Historien - Reclams Universal-Bibliothek

von: Herodot, Kai Brodersen, Christine Ley-Hutton

Reclam Verlag, 2019

ISBN: 9783159614939 , 915 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 21,99 EUR

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Mehr zum Inhalt

Historien - Reclams Universal-Bibliothek


 

[5]Erstes Buch


Pr  Dies ist die Darstellung der Forschung des Herodotos von Halikarnassos. Sie ist verfasst, damit die von Menschen vollbrachten Taten nicht mit der Zeit in Vergessenheit geraten und die großen und bewundernswerten Leistungen, die einerseits von den Griechen, andererseits von den Nichtgriechen erbracht wurden, nicht ohne Nachruhm bleiben. Insbesondere aber soll gezeigt werden, warum die Griechen und Nichtgriechen in eine kriegerische Auseinandersetzung miteinander geraten sind.

1 (1) Die persischen Weisen behaupten, den Phoinikiern sei die Schuld an der Auseinandersetzung zuzuschreiben. Sie seien vom sogenannten Roten Meer in dieses Meer hier gekommen, hätten das Land, das sie auch heute noch bewohnen, besiedelt, hätten sogleich große Seefahrten unternommen und seien dann mit ägyptischen und assyrischen Waren an Bord unter anderem nach Argos gekommen. (2) Argos war zu jener Zeit unter <allen anderen Städten> in dem Land, das heute Hellas heißt, am mächtigsten. Die Phoinikier hätten nun nach ihrer Landung in besagtem Argos ihre Waren zum Verkauf ausgestellt. (3) Am fünften oder sechsten Tag seit ihrer Ankunft, als sie beinahe schon alle ihre Waren verkauft hätten, sei unter vielen anderen Frauen auch die Königstochter an den Strand gekommen. Ihr Name sei Io, Tochter des Inachos, gewesen – so heißt sie auch bei den Griechen. (4) Diese Frauen seien ans Heck des Schiffes getreten und hätten von den Waren gekauft, nach denen ihnen am meisten der Sinn stand; da seien die Phoinikier auf gegenseitigen Zuruf hin auf sie losgestürzt. Die Mehrheit der Frauen hätte entkommen können, Io aber sei zusammen mit anderen geraubt worden. Die Phoinikier hätten diese an Bord gebracht und seien dann eilends gegen Ägypten gesegelt.

[6]2 (1) So ist nach Aussage der Perser, nicht aber nach der Version der Griechen Io nach Ägypten gekommen – und dies sei der Anfang der Feindseligkeiten gewesen.

Dann seien einige Griechen, so heißt es – ihre Namen können sie nicht angeben –, von Phoinikien nach Tyros gesegelt und hätten dort die Königstochter Europa geraubt. Es dürften Kreter gewesen sein. Dadurch hätten sie Gleiches mit Gleichem vergolten.

Hierauf aber seien die Griechen schuldig an dem zweiten Unrecht geworden. (2) Als sie nämlich mit einem Kriegsschiff nach Aia in Kolchis und zum Fluss Phasis gesegelt seien, hätten sie von dort nach Erledigung aller anderen Angelegenheiten, derentwegen sie gekommen waren, die Königstochter Medea geraubt. (3) Der König der Kolcher habe nun einen Boten nach Griechenland geschickt, um Genugtuung für den Raub und die Herausgabe der Tochter zu fordern. Die Griechen hätten jedoch erwidert, dass jene ihnen für den Raub der Io aus Argos auch keine Genugtuung geleistet hätten. Also würden sie es ihrerseits auch nicht tun.

3 (1) In der zweiten Generation nach diesen Ereignissen soll Alexandros, der Sohn des Priamos, als er davon gehört hatte, den Wunsch gehegt haben, sich aus Griechenland durch Entführung eine Frau zu verschaffen – in der festen Überzeugung, er werde ungestraft davonkommen, denn auch jene seien ungestraft geblieben. (2) Nachdem er Helena geraubt habe, hätten die Griechen den Beschluss gefasst, zunächst Boten zu schicken, Helena zurückzufordern und Sühne für den Raub zu verlangen. Auf die Vorwürfe der Boten hin hätten die Troianer ihrerseits den Griechen den Raub der Medea entgegengehalten, indem sie sagten, die Griechen würden nun, obwohl sie selbst weder Genugtuung geleistet noch die Geraubte trotz Aufforderung zurückgegeben hätten, bei anderen für sich Genugtuung suchen.

[7]4 (1) Bis zu diesem Zeitpunkt seien nur gegenseitige Entführungen erfolgt, von da an aber hätten die Griechen große Schuld auf sich geladen. Sie hätten nämlich ihren Feldzug gegen Asien unternommen, bevor die Perser gegen Europa gezogen seien. (2) Diese nun seien der Überzeugung gewesen, Frauenraub sei das Treiben schlechter Menschen, sich um Rache für die Geraubten zu bemühen das Ziel unvernünftiger Menschen, sich aber überhaupt nicht um die Geraubten zu kümmern, Sache vernünftiger Leute. Es sei offensichtlich, dass Frauen nicht gegen ihren Willen entführt würden. (3) Sie selbst, die aus Asien stammten, hätten kein Aufheben um geraubte Frauen gemacht, so sagen die Perser, die Griechen aber hätten wegen einer Frau aus Sparta eine große Flotte versammelt, seien dann nach Asien gekommen und hätten daraufhin die Herrschaft des Priamos gebrochen. (4) Seit jener Zeit hätten sie geglaubt, das Griechentum sei ihnen feindlich. Asien nämlich und die dort wohnenden [nichtgriechischen] Volksstämme beanspruchen die Perser für sich, Europa und das Griechentum betrachten sie jedoch als etwas davon Getrenntes.

5 (1) So hat es sich nach Aussage der Perser abgespielt, und die Perser sehen in der Eroberung von Ilion den Ursprung der Feindschaft mit den Griechen.

(2) Was Io betrifft, so stimmen die Phoinikier allerdings nicht mit den Persern überein. Die Phoinikier nämlich behaupten, sie hätten diese nicht durch Entführung nach Ägypten gebracht, vielmehr habe sie sich in Argos mit dem Schiffskapitän eingelassen. Als sie aber gemerkt habe, dass sie schwanger war, sei sie aus Scham vor ihren Eltern aus freien Stücken mit den Phoinikiern mitgefahren, um ihren Zustand zu verbergen. (3) So weit also die Versionen der Perser und Phoinikier.

Ich für meine Person möchte darüber keine Aussage machen, dass es so oder anders geschehen sei, ich will allerdings [8]den Mann nennen, von dem ich weiß, dass er mit Feindseligkeiten gegen die Griechen begonnen hat, und werde dann mit dieser meiner Darstellung fortfahren, indem ich in gleicher Weise unbedeutende und bedeutende Städte der Menschen behandeln werde. (4) Ein Großteil der Städte nämlich, die einst bedeutend waren, sind heute unbedeutend, Städte aber, zu meiner Zeit groß, waren früher unbedeutend. Da ich weiß, dass das menschliche Glück zu keiner Zeit Bestand hat, werde ich beider Schicksale in gleicher Weise erwähnen.

6 (1) Kroisos stammte aus Lydien und war ein Sohn des Alyattes; jener war tyrannos über die Volksstämme innerhalb des Halys-Flusses, der von Süden her durch das Gebiet der Syrer und Paphlagoner fließt und im Norden in den sogenannten Pontos Euxeinos mündet. (2) Dieser Kroisos hat als erster Nichtgrieche, soweit wir wissen, den einen Teil der Griechen unterworfen und Tributzahlungen von ihnen gefordert, mit dem anderen Freundschaft geschlossen. Er unterwarf die Ionier, Aioler und die in Asien lebenden Dorer; die Lakedaimonier machte er sich zu Freunden. (3) Vor der Regierungszeit des Kroisos waren alle Griechen frei. Der Kriegszug der Kimmerier gegen Ionien, der vor der Zeit des Kroisos stattfand, hatte keine Unterwerfung der Städte zur Folge, sondern führte nur zu überfallartigen Plünderungen.

7 (1) Auf folgende Weise ging die Herrschaft, die zunächst in den Händen der Herakliden lag, auf das Geschlecht des Kroisos, die sogenannten Mermnaden, über: (2) Kandaules, den die Griechen Myrsilos nennen, war tyrannos von Sardes, ein Nachkomme des Alkaios, der wiederum ein Sohn des Herakles war. Agron, der Sohn des Ninos, Enkel des Belos und Urenkel des Alkaios, war der erste König aus dem Geschlecht der Herakliden in Sardes, Kandaules, der Sohn des Myrsos, der letzte. (3) Die Könige dieses Landes vor der Regierungszeit des Agron waren Nachkommen des Lydos, des Sohnes des Atys. [9]Von ihm erhielt das gesamte lydische Volk, das früher Volk der Maionier genannt wurde, seinen Namen. (4) Die Herakliden wurden von den Maioniern mit der Herrschaft betraut und übernahmen diese dann gemäß einem Götterspruch. Sie waren Nachkommen einer Sklavin des Iardanos und des Herakles und übten die Herrschaft 22 Generationen – 505 Jahre – lang aus, indem die Herrschaft jeweils vom Vater auf den Sohn überging bis zu Kandaules, dem Sohn des Myrsos.

8 (1) Dieser Kandaules nun war sehr in seine eigene Frau verliebt und glaubte in seiner Verliebtheit, sie sei bei Weitem die schönste aller Frauen; in diesem seinem Glauben äußerte er sich Gyges gegenüber – Gyges, der Sohn des Daskylos, war einer seiner Leibwächter, der ganz besonders in der Gunst des Kandaules stand – recht vertraulich neben anderen, wichtigen Angelegenheiten insbesondere über das Aussehen seiner Frau, indem er es über alle Maßen lobte. (2) Es verging nicht viel Zeit, da richtete Kandaules folgende Worte an Gyges – dies sollte dem Kandaules allerdings zum Verhängnis werden: »Ich habe den Eindruck,...