Neun Tage Unendlichkeit - Was mir im Jenseits über das Bewusstsein, die körperliche Existenz und den Sinn des Lebens gezeigt wurde. Eine außergewöhnliche Nahtoderfahrung

von: Anke Evertz

Ansata, 2019

ISBN: 9783641232931 , 256 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 10,99 EUR

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Mehr zum Inhalt

Neun Tage Unendlichkeit - Was mir im Jenseits über das Bewusstsein, die körperliche Existenz und den Sinn des Lebens gezeigt wurde. Eine außergewöhnliche Nahtoderfahrung


 

Mein ganz persönlicher Weckruf

Allerdings sollte sich mein Leben an einem kalten Abend im September komplett verändern. Radikal, vollständig und auf eine Weise, von der man vorher besser nichts ahnt. Hätte ich nämlich vorher gewusst, was mich an diesem Tag erwartete, hätte ich alles, aber auch alles getan, um dieser Erfahrung aus dem Weg zu gehen.

An den 28. September 2009 erinnere ich mich noch sehr gut, was erstaunlich ist, denn meine komplette Vergangenheit wirkt heute auf mich wie ein weit entferntes, fremdes Leben. Wenn ich versuche, mich an die Zeit vor diesem Tag zu erinnern, liegt alles wie unter einem nebligen Schleier. Alles, was vor dem 28. September 2009 liegt, wirkt düster, sehr bedrückend und fühlt sich eigenartig fremd an. Wenn ich allerdings auf diesen Tag zurückblicke, bin ich ihm überaus dankbar, denn durch ihn wurde mir das größte und umfassendste Geschenk meines Lebens zuteil.

Einige Wochen vorher hatte ich einen fantastischen Weg gefunden, um wenigstens für eine kurze Zeit meiner inneren Leere entfliehen zu können: Ich ging joggen. Hier war ich allein, hatte meine Ruhe, und mit jedem Schritt, mit dem ich mich weiter von unserem Haus entfernte, fühlte ich mich freier. Der Trainingsanzug wurde zur perfekten Ausrede, das Haus verlassen zu können, denn niemand fragte danach, warum ich es tat. Niemand merkte mir an, dass ich floh und jedes Mal heilfroh war, wenn ich die Haustür von außen schließen konnte, um mich auf den Weg zu machen. Mit jedem Schritt nahm die Erleichterung zu, und eine unsichtbare Last schien von mir abzufallen. Oft lief ich in die umliegenden Wälder, nur um allein sein zu können. Um mich endlich nicht mehr vor meiner Umwelt verstellen zu müssen, und besonders nicht mehr vor mir selbst. Sobald ich die Haustür schloss, konnte meine Maske fallen, und schon allein dies ließ mich aufatmen.

Es graute mir vor mir selbst in dieser Zeit, und immer öfter dachte ich daran, einfach meine Sachen zu packen und wegzulaufen. Irgendwohin, nur weit, weit weg von all dem, was ich fühlte. Alles war so leer in mir, alles kostete nur Kraft. Das sollte der Sinn meines Lebens sein?

Wer bin ich wirklich?

Ein bestimmter Gedanke begleitete mich schon seit Wochen. Er tauchte immer öfter auf, wenn ich in Richtung Wald lief und die gröbste Anspannung bereits von mir abgefallen war. An diesem Tag hallte er wie ein Echo in meinem Kopf: Ich muss endlich wissen, wer ich wirklich bin! Dieser Gedanke war mir nicht neu, doch ich hatte ihn bisher immer beiseitegeschoben, sobald er auftauchte. Mein Leben so weiterzuleben, wie ich es bisher getan hatte, fiel mir immer schwerer, und ich begriff, dass ich aus dieser trostlosen Sackgasse ausbrechen musste. Nur wie?

Ich war fast drei Stunden unterwegs gewesen, als ich komplett durchgefroren wieder zu Hause ankam. Es dämmerte bereits, ich war erschöpft, aber um eine wichtige Erkenntnis reicher: »So geht es nicht mehr weiter! Es muss sich etwas ändern, auch wenn ich noch nicht weiß, was und wie.«

Ohne mich umzuziehen, führte mich mein erster Weg direkt ins Wohnzimmer, um Feuer im Kamin zu machen. Nichts brauchte ich jetzt so dringend wie ein prasselndes Feuer, an dem ich meinen ausgekühlten Körper aufwärmen konnte.

Schnell waren einige Holzscheite aufgelegt, mit ausreichend Flüssiganzünder getränkt und angezündet. Warm sollte es werden, und das möglichst schnell.

Heute weiß ich nicht mehr so genau, wie es geschah, aber nach ein paar Sekunden fiel mir auf, dass meine weite Sporthose am Saum Feuer gefangen hatte. Mit einem leichten Anflug von Ärger über meine eigene Unaufmerksamkeit versuchte ich die Flammen an meinen Hosenbeinen mit den Händen auszuklopfen, doch das brachte keinen Erfolg – im Gegenteil!

Wie sich später herausstellte, hatte ich im Eifer des Gefechts statt zu der Flasche mit dem sicheren Flüssiganzünder für Kamine aus Versehen eine Flasche mit Bio-Ethanol gegriffen und damit großzügig die Holzscheite und wohl auch meine Hosenbeine getränkt. Bio-Ethanol besteht aus reinem Alkohol, wird knapp 400 Grad heiß und lässt sich kaum löschen. Ein paar Tropfen daneben, ein kleiner Funke – und es kann zur Katastrophe kommen. Genau das ist offenbar passiert, als ich mit der Flasche herumwedelte, um möglichst schnell Wärme zu bekommen.

Das, was ich nun versuche, dir zu beschreiben, dauerte nur Sekunden, lief vollautomatisch und innerlich absolut ruhig ab, trotz höchster Lebensgefahr.

Beide Hosenbeine brannten in Windeseile lichterloh, und die Flammen kletterten wie eine Feuerwalze unerbittlich an meinem Körper empor. Nach einem ersten Schockmoment begann ich damit, das Feuer mit meinen Händen auszuklopfen. Ich ging davon aus, dass ich es auf dieses Weise löschen konnte, doch das war ein Irrtum! Je mehr ich auf den dünnen Stoff schlug, umso leichter schienen sich die Flammen durch die synthetische Kleidung fressen zu können. Obwohl die Hitze bereits jetzt kaum auszuhalten war, gab ich keinen Laut von mir. Ich war felsenfest der Meinung, die Situation wieder unter Kontrolle bringen zu können. Ich schrie nicht und rief auch nicht um Hilfe. Aus heutiger Sicht wirkt das damalige Geschehen sehr surreal auf mich und mein eigenes Verhalten wie ferngesteuert. Ethanol ist unerbittlich, unfassbar heiß und nicht kontrollierbar.

Selbst als beide Arme und mein Oberkörper schon fast vollständig in Flammen standen, kam ich nicht auf die Idee, mich auf den Boden zu werfen oder davonzulaufen.

Erst in dem Moment, als die Flammen mein Gesicht erreichten, begriff ich, dass ich der Situation nicht mehr Herr werden konnte. Ich stand mittlerweile wie eine lebende, lichterloh brennende Fackel in der Mitte unseres großen Wohnzimmers.

Meine langen, dichten Haare waren für das Feuer ein gefundenes Fressen, und erst jetzt, als alles an mir brannte, kam das erste Mal der Gedanke auf, um Hilfe zu rufen. Doch dafür war es mittlerweile zu spät! Ich spüre noch heute die glühende Hitze des Feuers in meinem Mund, als ich tief Luft holen wollte, um einen verzweifelten Schrei auszustoßen. Unerträglich heiß strömte statt der ersehnten Luft die gleißende Hitze in Mund und Rachen, und ich begriff plötzlich: Das war es. Es ist zu spät!

Das Beeindruckendste war, dass ich keinerlei Schmerzen verspürte, und auch an Angst kann ich mich nicht erinnern. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass man bei Verbrennungen dritten Grades den unfassbaren Schmerz nicht mehr spüren kann, weil die Nervenenden zerstört werden und er die Schmerzskala des Körpers bei Weitem übersteigt.

Für mich selbst spielte all das jedoch keine Rolle. In dem Augenblick, als ich keine Luft mehr bekam, hatte ich die Erkenntnis: Jetzt sterbe ich!

Aus heutiger Sicht enthielt genau dieser Moment eines der größten Geschenke meines Lebens, doch das wusste ich damals natürlich noch nicht.

Ich hörte auf, zu kämpfen und etwas zu tun, weil einfach nichts mehr getan werden konnte – und ich traf eine meiner wichtigsten Entscheidungen: Ich gab meinen Kampf auf! Den Kampf gegen die Flammen, gegen das Leben und auch gegen mich selbst. Ich ließ meine Hände sinken und nahm die Situation an, wie sie eben war. Punkt!

Mein Blick aus heutiger Sicht

Jetzt, viele Jahre nach diesem Erlebnis, ist es für mich immer noch schwierig, für diese Erfahrung die passenden Worte zu finden. Es war ein Augenblick, der alles enthielt und auch gleichzeitig nichts. Vollkommene innere Stille, eine sehr friedliche Stille, und eine Hingabe an das, was nun geschehen würde – was auch immer es sein mochte. In dieser Situation lernte ich, was Loslassen in Wahrheit bedeutet: Es hat nichts damit zu tun, dass man etwas »tut«, sondern nur damit, dass man etwas »lässt«. Man hört auf zu kämpfen, leistet keinen Widerstand mehr und ergibt sich dem, was da gerade ist. Früher hatte ich immer große Probleme damit, zu begreifen, wie das mit dem Loslassen funktionieren könnte. Ich dachte immer, ich muss dafür etwas tun, verändern oder erkennen. Doch es geht nur darum, genau das zu lassen, was wir vorher unbedingt festhalten wollten.

Mein Leben zog in diesem Moment allerdings nicht in einer Art Zeitraffer an mir vorbei, wie es viele Menschen beschreiben, die eine solche Situation erlebt haben. Viel mehr erfüllte mich eine Gewissheit, dass mein gelebtes Leben richtig und gut war, wie es gewesen war. Trotz all den düsteren Gefühlen und Gedanken, die vorher so viel Raum in mir eingenommen hatten. Ich empfand weder Wehmut noch Sorge. Da war nichts, was noch abgeschlossen werden musste, und auch keinerlei Verpflichtung, sondern einfach ein Punkt.

Alles, was bisher in meinem Leben wichtig gewesen war, verlor in diesem Moment seine Bedeutung. Nichts davon war wirklich wesentlich oder wichtig. Nichts davon war wirklich schlimm oder gar dramatisch. Ich hatte mir mein Leben ganz umsonst schwer gemacht, mich abgemüht und gegen etwas gekämpft, was angesichts des Todes keinerlei Wichtigkeit mehr besaß. In diesem einen winzigen Moment erkannte ich, dass es nicht wichtig war, wie erfolgreich ich in meinem Leben gewesen war. Es spielte keine Rolle, wie sehr ich mich – für was auch immer – aufgeopfert hatte, ob ich von anderen Menschen gemocht wurde oder wie wunderbar ich funktioniert hatte. In diesem Moment war einfach alles gut, so wie es war. Ohne jegliche Bewertung.

Ich war bereit, durch ein Tor zu treten und alles, was in meinem Leben bisher von Bedeutung war, in Liebe loszulassen.

Auch dem Gefühl der Zeit schien ich irgendwie komplett entrückt zu sein, denn all diese tiefen Erkenntnisse erlebte ich in einem sehr kurzen Moment, der nur so lange dauerte, wie man normalerweise für ein oder zwei Atemzüge braucht....